Angst

Home Nach oben

   

Hausarbeit

von

Christa Schütt Heinrich

in Rahmen des Weiterbildungsstudiums

Psychosoziale Arbeit

an der

Alice Salomon Fachochschule Berlin

bei

Prof. Dr. Helmut Möller

 

Angst im Jugendlichenalter

 

  • Angst ist ein unausweichlicher Bestandteil des menschlichen Lebens und begleitet den Menschen in all seinen Entwicklungsstadien. Angst tritt in Situationen auf , denen wir uns nicht oder noch nicht gewachsen fühlen.

    Jede Entwicklung und jeder Reifungsschritt ist mit Angst verbunden, da er uns in etwas Neues führt, was wir bisher nicht gekannt oder gekonnt haben und uns mit inneren und äußeren Situationen konfrontiert ,die wir noch nicht und in denen wir uns noch nicht erlebt haben. Da unser Leben uns ständig in unbekannte und unerfahrene Situationen führt, begleitet uns Angst beständig. Ins Bewußtsein kommt die Angst am ehesten in den Phasen unserer Entwicklung, in denen wir vertraute Wege verlassen müssen und neue Aufgaben zu bewältigen haben oder Wandlungen anstehen. So haben Entwicklung, Erwachsen werden und Reifen viel mit Angstüberwindung zu tun und jedes Alter hat entsprechend dem jeweiligen Entwicklungsschritt die dazugehörigen Ängste, die zum Gelingen der Reifung gemeistert werden müssen.

    Das Jugendlichenalter, die Phase der Adoleszenz, die als Bindeglied zwischen Kindheit und Erwachsenenalter gilt, ist geprägt von Verwandlungen, vielen Vorwärts- und Rückwärtsbewegungen und stellt einen entscheidenden Wendepunkt in den komplexen Beziehungen zwischen

    kindlichem und erwachsenem Seelenleben dar. In der Adoleszenz ist der junge Mensch mit bewußten und unbewußten Ängsten konfrontiert, die es zu bewältigen gilt. Dabei ist die Ablösung von den Eltern und den damit einher gehenden Ängsten ein zentraler Punkt.

    Der Wachstumsschub der Pubertät konfrontiert den Jugendlichen mit seiner Genitalität und stößt ihn auf das Inzesttabu, was ihn zur Umgestaltung des sexuellen Verlangens zwingt. Mit der sexuellen Reife erwacht der Hunger nach dem genitalen Liebesdialog. Gleichzeitig kehren die unterdrückten ödipalen Phantasien in vielfacher Verkleidung zurück und drängen auf

    Wiederherstellung ihrer Oberherrschaft. Das Inzesttabu, welches ursprünglich das kleine Kind davor bewahrt hatte vorzeitig mit erwachsener Sexualität in Berührung zu kommen, etabliert sich nun in der Seele des Jugendlichen. In der Wiederbelebung des frühkindlichen Trennungsprozesses und den damit einher gehenden Ängsten bedarf der Jugendliche ein hohes Maß an aggressiver Energie zur Lösung der Bindungen und Identifizierung. Der Jugendliche befindet sich in einem Kampf um die Ablösung von den Eltern in dem er das sexuelle Verlangen außerhalb der Familie verlagern muß, was gleichzeitig bedeutet, sich von der Familie abzuwenden und die Idealisierungen der Kindheit aufzugeben. Dieser geführte Kampf ist für Erwachsene nur schwer

    nachzuvollziehen. Die Erwachsenen erleben den jungen Menschen oft als ein Kind, das die bestehende Ordnung durch Machtkämpfe und Trotzreaktionen aus den Angeln heben will, und es fällt ihnen schwer zu begreifen, daß das grenzüberschreitende und widersprüchliche Verhalten

    ein mit großem Einsatz geführter Kampf gegen alle Formen des Verlangens ist.

    Zur Bekämpfung des Verlangens dienen dem Jugendlichen verschiedene Abwehrmechanismen, die für dieses Alter typisch sind. Ein Abwehrmechanismus ist z.B. die körperliche Askese, die sich allerdings im Wechsel zwischen Enthaltsamkeit und Nachgeben abwechseln kann. Als Beispiel wären zu nennen: strengsten Diäten folgen regelrechte Freßanfälle, ausgiebiges Befassen mit Mode und Körperkultur wird abgelöst von der Verweigerung von Körperpflege. Bleiben die Jugendlichen manchmal tagelang im Bett liegen, so weigern sie sich manchmal überhaupt zu schlafen. Gelegentlich überwiegt aber die Askese und der Jugendliche führt einen kompromißlosen Kampf gegen körperliche Genüsse, was sich darin äußern kann, daß nur soviel gegessen wird, daß ein Überleben gesichert ist.

    Eine unauffälligere Form im Kampf gegen das Verlangen äußert sich in der Kompromißlosigkeit des Denkens und der Einstellungen und schützt so den Körper vor Versuchungen. Der Jugendliche liebt oder haßt und eine Versöhnung entgegengesetzter Standpunkte ist schier unerträglich.

    Im Laufe der Adoleszenz kann die kompromißlose Abwehrhaltung auch Schwankungen unterworfen sein. Auf dem Weg ins Erwachsenenleben muß der Jugendliche lernen Kompromisse zu ertragen, die in der Balance zwischen dem Streben nach Lust und der Notwendigkeit zur Beschränkung liegen. Er muß einen Ausgleich zwischen widerstreitenden Wünschen finden und ein gutes Zusammenspiel zwischen Körper und Geist erreichen. Ebenso trägt die Anpassung hoher Ideale an praktische Notwendigkeiten dazu bei, daß intellektuelle Ziele, auf die der Mensch

    zeitlebens zustrebt, in ihrer potentiellen Unerreichbarkeit klar zu erkennen sind.

    Im Kampf gegen das Verlangen, muß das Verlangen siegen. Der Jugendliche muß über die Grenzen der Kindheit hinauswachsen um an den Erfahrungen, die das Leben jetzt für ihn bereithält teilhaben zu können.

    Dabei spielt die Lösung der leidenschaftlichen Bindung an seine Eltern eine zentrale Rolle.

    Die Ablösung von den Eltern kann undramatisch verlaufen, wenn der Jugendliche die Möglichkeit hat die Vergangenheit schrittweise aufzugeben.

    Sobald aber die durch inzestuöse Wünsche ausgelöste Angst übermächtig wird, ist es nur schwer möglich, die auch vom Scheitern bedrohte Ablösung auszuhalten. Um die Angst zu mildern, kann es vorkommen, daß der Jugendliche zu Strategien greift, die kurzfristig die Angst mildern, auf lange Sicht jedoch selten erfolgreich sind. Die direkteste Form, inzestuöses Begehren auf ein anderes Ziel zu verschieben, ist die Flucht. Die Flucht, tatsächlich oder sinnbildlich vollzogen, hinterläßt die Sehnsucht nach einer Liebespartnerschaft, die der Jugendliche so schnell wie möglich in leidenschaftlichen Beziehungen zu erfüllen versucht. Die Flucht lenkt die inzestuösen Sehnsüchte um, löscht sie aber nicht aus.

    Um sich vor den Ängsten zu schützen, die das inzestuöse Begehren auslöst, muß der Jugendliche nicht zwangsläufig das Elternhaus verlassen. Auch Jugendliche die ihre Libido nach außen lenken, ohne ihr Zuhause zu verlassen, können genauso verzweifelt sein wie jene Jugendlichen die von zu Hause weglaufen. Ihre Übertragungsmethoden sind maßvoller und subtiler und sie sehnen sich ebenso nach einer sofortigen Verschiebung des sexuellen Begehrens. In Liebesbeziehungen, in die sie sich Hals über Kopf stürzen, finden sie Elternersatzfiguren. Ein Mädchen auf der Flucht kann seinem Verlagen auf vielerlei Arten Ausdruck verleihen. Es kann z.B. einen

    idealisierten Führer anschwärmen, ein Liebesverhältnis mit einem gleichaltrigen Jungen eingehen oder auch einer Freundin bedingungslos ergeben sein. Auch die Gruppe der Gleichaltrigen kann zum Ziel des Liebesverlangens werden. Oft nimmt die Flucht die Gestalt des ,,Ergebenseins" in eine Frau an, die vom Alter zwischen dem Mädchen und der Mutter angesiedelt ist.

    Gelingt es dem Heranwachsenden sein Begehren von der Familie abzuziehen, kann er die Werte der Eltern abschütteln und alles von sich weisen wofür sie stehen. Er hat sich von der ,erstickenden Liebe" befreit, sie jeder Bedeutung entkleidet und ist so in der Lage als grober und

    rücksichtsloser Mitbewohner im Elternhaus zu bleiben.

    Die Übertragung des Liebesverlangens auf ein anderes Objekt ist der Ausdruck einer allmählichen Ablösung, die für die Mehrzahl der Jugendlichen typisch ist. Geschieht dieses jedoch abrupt, extrem und übersteigert, so ist anzunehmen, daß die Libidoverschiebung einen überstürzten Rückzug darstellt und langfristige Leiden und Ängste einer schrittweisen Ablösung vermieden werden sollen.

    Ist die abwehrbedingte Flucht vor den Eltern extrem, kann es zu nachteiligen Folgen kommen, insbesondere in dem noch nicht abgeschlossenem Kampf gegen das Verlangen. Wenn der Jugendliche den Eltern jegliche Werte und Autorität abspricht, so kann er sich alle zuvor

    verbotenen Gelüste erlauben. Diese Uneingeschränktheit des Verlangens kann zu Promiskuität und Jugendkriminalität führen.Andererseits besteht aber auch die Möglichkeit, daß er sich Gruppen anschließt, die gesellschaftlich akzeptierte Werte vertreten. Die Gefahr des Inzests bleibt aber bestehen und die damit verbundenen Konflikte und Ängste werden ins

    Erwachsenenleben übertragen.

    Eine weitere Variante die Eltern zu ~ besteht darin, Liebesverlangen und kindliche Abhängigkeit in Haß, Verachtung und Hohn umzuwandeln. Durch die Umkehrung der Gefühle kann sich der Jugendliche der Täuschung hingeben nicht länger von den Eltern abhängig zu sein. Doch die Umkehrung der Gefühle bewirkt eher, daß der Jugendliche sich stärker in das Netz der Familie verstrickt. Bei der Flucht erhält der Jugendliche die Möglichkeit Lust aus der Partnerschaft zu gewinnen ,was ihm aber bei der Umkehrung der Gefühle in Haß versagt bleibt und Feindseligkeit, Leid und Schmerz für alle Beteiligten mit sich bringt. In der Umkehrung manifestiert

    sich das Bedürfnis sich vor der Inzestangst zu schützen. Die gegen die Eltern gerichteten feindseligen Wünsche sind von dem Jugendlichen oft nur schwer zu ertragen. Statt dessen stellt er sich vor, die Eltern würden ihn hassen und seien darauf aus ihn zu schikanieren. Dein Jugendlichen erscheint die gesamte Erwachsenenwelt und alles was sie repräsentieren, als eine gegen ihn gerichtete Schikane. Er verstrickt sich immer mehr in seine Haßgefühle, zieht sich in sich selbst zurück und ist so nicht in der Lage sein Liebesverlangen auf die Welt außerhalb der Familie

    zu richten.

    Eine andere Möglichkeit des Umschlags in Haß kann sein, die gegen die Eltern gerichteten destruktiven Wünsche gegen das eigene Selbst zu richten. Anstelle der absehbaren Phasen von Kummer und Verzweiflung, die die Ablösung mit sich bringt, kann es zu extremen und lang anhaltenden depressiven Reaktionen kommen. Das Resultat davon sind häufig Selbstbeschuldigungen, Selbsterniedrigung und Selbstverletzung. Die Umkehrung des Liebesverlangens in Haß wird somit zum heftigen Selbsthaß. Ihren Ausdruck findet der Selbsthaß in Selbstmordgedanken und- Phantasien. Werden sie in die Tat umgesetzt, dann nicht aus dem Wunsch heraus das Leben zu beenden, sondern als Flucht vor dem ins unermeßliche gehenden Selbsthaß. Eine andere Variante kann die völlige emotionale Hingabe an die Eltern sein. Hier wird die Inzestangst gelöst, indem der Jugendliche auf ein frühkindliches Stadium regrediert, in dem es noch keine Grenzen zwischen dem Selbst und dem anderem gab. Er gibt seine Persönlichkeit auf und wird zu einer Karikatur der Eltern.

    Der Großteil der Heranwachsenden bedient sich jedoch weniger extremer Lösungen. In der Regel setzen die Jugendlichen die verfügbaren Verteidigungsstrategien: körperliche Askese, kompromißloses Denken, Verschiebung des Liebesverlangens und Umkehrung von Liebe in Haß zu

    verschiedenen Zeiten und unterschiedlichen Kombinationen ein, um so die Angst vor dem Inzest zu lindern. In Zeiten, in denen sie den Konflikten zu entfliehen versuchen, überantworten sie Körper und Seele den Eltern.

    Bei einer günstigen Ablösung gelingt es dem Jugendlichen das zu bewahren, was wertvoll an den familiären Liebesdialogen ist, und er weist so viel davon zurück, daß Raum für neue und eigene Möglichkeiten bleibt. So kann der Liebespartner des jungen Menschen etwas Neues und Altes zugleich repräsentieren. Mißlungene Ablösungen begünstigen dagegen eine Partnerwahl, die sich an der vollkommenen Ähnlichkeit oder Unähnlichkeit an den Eltern orientiert. Hier wird das Stereotyp zur unabdingbaren Voraussetzung der genitalen Liebe. In der Regel sind partielle, nicht gänzliche Wegverlegungen üblich. D.h., der Versuch, das Verlangen vom inzestuösen Objekt abzuziehen gelingt nicht vollständig, der Heranwachsende ist aber fähig seine sexuellen Wünsche zu akzeptieren und seine moralischen Überzeugungen zu bewahren.

    Eine mißlungene Wegverlegung äußert sich während der Pubertät durch Plötzlichkeit, Intensität und Überzogenheit der Abwehrmechanismen ,die in diesem Alter typisch sind. In diesem Fall kann es dazu kommen, daß der Jugendliche an die Eltern gebunden bleibt und keine sexuelle Beziehung zu einem anderen Partner eingehen kann bis dahin, daß der Inzest zur Realität

    wird. Die Kampfbereitschaft des Jugendlichen und die differenzierten Strategien die er braucht, um sich vor der Inzestangst zu schützen zeigen ,daß ein großer Unterschied besteht zwischen der Verdrängung des kindlichen Liebesdialogs und seinem wirklichen Verschwinden. In der Pubertät werden die ödipalen Wünsche in gesellschaftlich bedeutungsvolle Szenarien umgewandelt und stehen zur endgültigen Bewältigung an. Das Abschied nehmen von der Kindheit ist ein langsamer und schmerzhafter Prozeß, in dem mit großem Aufwand Erinnerungen und Erwartungen, durch welche die Libido mit den Eltern verknüpft wurde, hervorgeholt, neu durchlebt und neu gedeutet werden.

    Neben der Lösung von den Eltern stellen sich dem Jugendlichen Fragen, in denen deutlich wird, daß sie auf der Suche nach etwas Größerem als der gewöhnlichen, alltäglichen Existenz sind. Fragen wie :,, Wie wird sich meine persönliche Zukunft mit der Zukunft der Welt, in der ich lebe verbinden?", ,,Gibt es etwas in meinem Alltag an das ich glauben kann?t1, ,,Sind diese Überzeugungen von Wert?", ,,Kann ich mich darauf verlassen?' Anhand der Fragen wird deutlich, daß Jugendliche auf der Suche nach Werten und Idealen sind, die sie vertreten können. Auf der Suche danach und dem Betreten neuer und eigener Wege, besteht die Gefahr, daß sie sich verlieren und nicht mehr zurückfinden. Jugendliche, die sich den Prüfungen des Erwachsen werdens ganz oder teilweise entziehen, können auf der Suche nach ihrer Identität Phantasien, die ihren Ausdruck z.B. in der Magersucht, der Hochstapelei, dem Drogenkonsum und anderen Irrungen des ,,modernen" Familienlebens erlegen sein. Dazu schreibt Anna Freud, ,,Probleme der Pubertät" (S.1763): ,,Wo Angst und Hemmung den Weg zu den Objekten der Außenwelt verlegen, bleibt die Libido im Rahmen der eigenen Person, wo sie verschiedene Verwendung finden kann. Sie kann Ich und Über-Ich besetzen, die dadurch exzessive Proportionen annehmen.

    Klinisch bedeutet das, Auftreten von Größenideen, Machtphantasien und übertriebenen Vorstellungen vom eigenen Können. Wo die Verherrlichung des eigenen Leidens im Vordergrund steht, entstehen Christus- und Erlöserphantasien."

    Ängste vor jedem Wandel, jeder Veränderung, führen zu umfassenden Kontrollwünschen in bezug auf das Selbst und die Objekte und führen zu Ängsten, nicht mehr real zu existieren. Werden die Ängste im Ich bewußt, scheinen sie primären Angstreaktionen zu gleichen und deuten auf denVerlust sekundärer Angst hin. Auf der Suche nach realen Angstsituationen durch Risiko und Abenteuer findet das Bedürfnis nach Sich-wirklich-selbst fühlen seinen Ausdruck.

    Die Ängste des Jugendlichenalters zeigen, daß die Adoleszenz mehr als einfach nur ein schwieriges Alter ist. Die Adoleszenz ist eine Zeit in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft neu gestaltet werden. DieAngstformen dieser Entwicklungsphase drücken eine Regression auf die frühkindliche Trennung aus, mit dem Ziel ein Mehr an Identität und Autonomie zu erlangen. Wenn die Adoleszenz vorüber ist, ist der Charakter der jungen Erwachsenen von den inneren Kämpfen, die sie durchlebt haben geprägt und es bleiben einige Kind, auch wenn die Kindheit vorbei ist.

        • Literaturverzeichnis

          Fritz Riemarin,

          Grundformen der Angst: eine tiefenpsychologische Studie 1

          600.Tsd.- München, 1961

          Ulrich Rüger (HG),

          Neurotische und reale Angst, Jörg Wiesel Ängste des

          Jugendlichen, Seite 86

          Göttingen 1984

          Louise J. Kaplan

          Abschied von der Kindheit; eine Studie über die Adoleszenz

          aus dem Amerik. übers. von Hilde Weiler. - Stuttgart 1988