Basale Stimmulation

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Basale Stimulation

 

Vor ca. 20 Jahren rückten Menschen mit schwersten und mehrfachen Behinderungen ins Blickfeld sonderpädagogischer Bemühungen. Bis dahin waren sie in sog. Pflegeeinrichtungen versorgt, als "Dauerpflegefälle" abgeschrieben. Kinder, Jugendliche, aber auch manche Erwachsene lebten zu Hause, verbrachten ihre Tage meistens im Bett und wurden von ihren Angehörigen versorgt. Medizinische Hilfe war angesichts der schweren und endgültigen Behinderung nicht möglich, therapeutische Ansätze schienen zu versagen und pädagogische, erst recht spezifisch behindertenpädagogische Angebote lagen nicht vor. Es waren Menschen, denen man keine Entwicklungsmöglichkeiten mehr zugestand .

In dieser Situation entstand an verschiedenen Stellen in Deutschland, aber auch in Europa, ein deutliches Unbehagen, diesen Zustand wollte man nicht mehr länger hinnehmen. Eltern besannen sich auf ihre Rechte, Fachleute auf ihre Pflichten. Die Kinderhilfe Westpfalz in Landstuhl, heute Rehazentrum Landstuhl, war ein Kristallisationspunkt für solche Bemühungen. Mit Unterstützung des Landes Rheinland-Pfalz gelang es, ein Pilotprojekt zu installieren, das praktisch und wissenschaftlich die Fördermöglichkeiten für sehr schwer mehrfachbehinderte Menschen untersuchen sollte. Aus dieser Arbeit ging dann nach ca. 5 Jahren das Konzept der Basalen Stimulation hervor.

Pflegerische Maßnahmen waren schon immer ein wichtiger Bestandteil dieses Konzeptes, denn die körperliche Befindlichkeit sehr schwer behinderter Kinder, Jugendlicher und Erwachsener war fast immer problematisch. Atemwegserkrankungen führten bei diesen Menschen nicht selten zu einem frühen Tod. Das Problem des Wundliegens bestand ständig, Ernährungsprobleme und insbesondere Schmerzzustände ließen häufig Ratlosigkeit aufkommen. Im Landstuhler Zentrum waren immer auch Kinderkrankenschwestern und Krankenschwestern tätig, so dass schon früh ein interdisziplinärer Austausch eingeleitet wurde.

Dennoch war es ein großer Schritt als durch den persönlichen Kontakt mit Christel Bienstein, damals Bildungszentrum Essen, heute Institut für Pflegewissenschaften Witten/Herdecke, eine echte Kooperation eingeleitet wurde. Das Konzept der Basalen Stimulation hat sich dann in jahrelanger Zusammenarbeit mit Pflegefachkräften ausdifferenziert und ist zu einem mittlerweile bedeutsamen Bestandteil der Pflegewissenschaft und der Pflegepraxis geworden. Dies ist insbesondere den engagierten Arbeiten vieler Pflegender zu verdanken. Krankenpflege und Sonderpädagogik, d.h. die Pädagogik für behinderte Menschen haben möglicherweise mehr gemeinsam, als bisher gedacht wurde. Das Bemühen, die Selbstheilungs- bzw. Organisationskräfte behinderter Menschen bzw. der Patienten zu unterstützen ist beiden gemeinsam (vgl. Fröhlich/Haupt/Bienstein 1997).

Basale Stimulation ist keine Methode, Basale Stimulation ist keine neue Technik.

Basale Stimulation versteht sich als ein Konzept, ist offen für Veränderungen, Weiterentwicklungen, Analysen und neue Ideen. Neue Gedanken und Erfahrungen können jeweils Zugang finden; eine Methode, eine Technik hingegen ist eher ein abgeschlossenes Repertoire von Wissenselementen und Fertigkeiten.

Ein solches Konzept bildet darüber hinaus die Basis für die Zusammenarbeit zwischen Patienten, ihren Angehörigen und den beteiligten Fachleuten, speziell den Pflegenden im Zusammenhang mit dem gesamten sozialen Umfeld. Ein Konzept ist immer so etwas wie ein Entwurf oder Plan, der aber noch nicht fertig abgeschlossen ist, sondern das Hinzulernen aller Beteiligten ausdrücklich vorsieht.

Gegenüber enger gefaßten Trainingsprogrammen oder Techniken versteht sich Basale Stimulation als Förderansatz, der auf die individuellen Möglichkeiten eines Menschen setzt, sich unter günstigen Umständen zu stabilisieren oder auch weiterzuentwickeln. Es geht also um die positiven Möglichkeiten in einem Menschen, nicht um seine Defekte, Defizite und Ausfälle. Insofern ist Basale Stimulation in der Pflege keine "Behandlung" des kranken Menschen, sondern vielmehr der qualifizierte Versuch, sich seiner Lebenssituation anzupassen und ihm für diese individuelle und aktuelle Lebenssituation geeignete Wahrnehmungs-, Bewegungs- und Kommunikationsangebote zu machen.

Durch die Übernahme des Konzeptes der Basalen Stimulation in die Pflege, speziell in die Intensivpflege und durch notwendige Modifikationen wird nun ergänzend versucht, Patienten in ihrer schwierigen subjektiven Situation, die durch Streß, hohe emotionale Belastung, Angst, Unsicherheit und Gefühle der Hilflosigkeit gekennzeichnet sind, eine Orientierung über den eigenen Körper und seine vorhandenen Möglichkeiten zu geben.

Der Aspekt der Beziehung wird insbesondere durch eine qualifizierte Berührungskultur unterstützt. Berührung wird zur elementaren Kommunikationsform, bei der die Patienten keine "Vorausleistungen" bringen müssen. Wir gehen davon aus, dass auch Patienten in tiefer Bewußtlosigkeit in der Lage sind, elementare Kommunikation aufzunehmen und auch entsprechende elementare Mitteilungen zu machen.

Hierdurch gewinnt Pflege immer stärker dialogischen Charakter, im Pflegeprozeß spielen sich wichtige Ereignisse zwischen Pflegenden und Patienten ab.

Durch die neu entwickelten Möglichkeiten der Basalen Stimulation in der Pflege haben Pflegende ein neues Aufgabengebiet für sich erschlossen. Sie sind nicht länger mehr nur Ausführende, sondern sie planen und gestalten Beziehung zu ihren Patienten und leisten dabei ungemein wichtige Arbeit zur Stabilisierung des Individuums. Basale Stimulation versteht sich so als ein ganzheitliches Konzept, das über den Körper, über Berührung die Person selbst erreicht.

Andreas Fröhlich, Dr. paed., Prof. für Allgemeine Sonderpädagogik, Universität Landau/Pfalz

Weitere Links zu diesem Thema:

Basale Stimulation in der Pflege die Seite mit den umfangreichsten Informationen