...Heimkinder im Loyalitätskonflikt zwischen

Eltern und Erzieher

 

Einleitung

Pädagogen in der Heimerziehung und ähnlichen Betreuungsformen erleben häufig, dass es besonders nach einem längeren Zeitraum der positiven Entwicklung des Kindes / des Jugendlichen es zu deutlichen oder gar massiven Einbrüchen kommt. Die Erklärung für diese Einbrüche werde oft in Anlässen im Heimalltag gesucht. Jedoch die wichtige Dimension der Loyalitätsbindung der Kinder und Jugendlichen an ihre Eltern wird nicht bzw. nicht ausreichend berücksichtigt. (M. Conen)

 

Die Heimunterbringung eines Kindes und die Bedeutung für die Eltern

Für die Eltern die ein Kind in eine Einrichtung der Jugendhilfe geben wollen oder müssen empfinden dies in der Regel nicht als eine Entlastung. Auch wenn es laut dem KJHG, unter zur Hilfenahme von z.B. Hilfeplangesprächen in diese Richtung gehen soll.

Die meisten Eltern erleben diesen Moment als ein pers. Versagen. Eine betroffene Mutter formulierte dies einmal so : "Wenn ich in die Einrichtung komme, dann ist es so, als ob über dem Portal steht: Hier kommen nur Eltern hin, die es mit ihren Kindern nicht geschafft haben!" (M. Conen)

Die Eltern sehen die Heimerziehung, bzw. die Gruppen als einen Ort, zu dem nur Personen zutritt haben die in der Erziehung der eigenen Kinder versagt haben.

Betrachtet man dies unter dem Aspekt, das kaum jemand gerne irgendwo hingeht, wenn dies gleichzeitig als Zeichen von Inkompetenz angesehen wird, dann ist es eigentlich nicht verwunderlich, warum die Eltern so massive Schwierigkeiten mit dieser Form der Jugendhilfe, haben. (M. Conen)

Ein weiterer wichtiger Aspekt  ist, dass 

Im allgemeinen können die Eltern, bei einer Trennung von Kind und Herkunftsfamilie, nicht oder nur sehr schwer ihr Kind loszulassen.

Diesen Eltern fällt es in der Regel sehr schwer ihrem Kind zu vermitteln: "Wir mögen unser Kind so sehr, dass wir jemand anderen unser Kind überlassen, weil es momentan andere besser hinbekommen werden als wir. Wir sind derzeit mit unseren Problemen zu sehr beschäftigt." (M. Conen) Dieses Signal, von den Eltern an das Kind und an die Einrichtung ist meist – wenn überhaupt - nur nach intensiver Arbeit mit den Eltern möglich.

Für die Eltern ist 

Die Fremdplatzierung eines Kindes ist für die meisten Eltern eine sehr bedrohliche Situation! Eine fast pathologische Bedrohung für Eltern ist die Unterbringung der Kinder in Pflegefamilien oder in Familienwohngruppen, in denen die Mitarbeiter der Einrichtung in einem sehr intensiven Rahmen mit den Kindern zusammen wohnen. Die mögliche Wahrnehmung der Eltern kann sein, dass die Kinder dort einer noch größeren "Gefahr" von positiven (Familienersatz-) Erfahrungen ausgesetzt sind als im klassischen Heim.  (M. Conen)

Eltern empfinden die Herausnahme der Kinder als einen massiven Eingriff in die Privatsphäre, in die elterliche Kompetenz. In ein Familiensystem darf, nach dem Empfinden dieser Familien, nicht eingegriffen werden da dies einzig und alleine die Aufgabe der Eltern sein soll. Das Erziehungsverhalten und sei es, in den Augen der Gesellschaft noch so unangepasst, lässt kein Infragestellen durch Andere zu.

Noch so wohlwollendes Verhalten der Mitarbeiter werden von den Eltern oft fehlinterpretiert. Der Wunsch nach einem Gespräch z. B. nach einer Beurlaubung wird leicht als Form von Kontrolle empfunden. Sie unterstellen den päd. Mitarbeitern sehr leicht eine vermeintliche Ablehnung oder Abwertung ihrer Person.

Manche Eltern trinken sich regelrecht Mut an, wenn ein Termin in der Einrichtung ansteht. Dieses "Mut antrinken" kann durch die Mitarbeiter verschiedenseitig gewertet werden. Zum einen kann es als Bestätigung ausgelegt werden "die Eltern sind inkompetent". Es hat sich nichts verändert. Andererseits, wenn man das vorangegangene im Auge behält, ist es dennoch eine Leistung der Eltern, des Elternteils diesen Termin dennoch wahrzunehmen. Es sollte dennoch auch das Mut antrinken thematisiert werden, aber nicht auf der Basis als Vorwurf, sondern dass man es versteht, dass der Besuch offensichtlich mit sehr viel Ängsten verbunden ist. Es sollte im Gespräch mit den betroffenen Eltern versucht werden herauszufinden, wie der Besuch möglicherweise anders gestaltet werden kann, damit es den Eltern leichter fällt zu kommen und sie sich keinen "Mut antrinken" müssen.

Loyalitätsbindungen der Kinder

Außer das die Kinder sehr an ihren Eltern hängen, sind sie ihnen gegenüber meist auch immer loyal. Es gibt nur sehr wenige, eigentlich keinem,  Ausnahmen. Dies wird durch die destruktive Ausdrucksformen von Loyalitätsbindungen immer wieder deutlich. Die Loyalitätsbindung der Kinder an ihre Eltern geht stets vor den Bindungen an andere Menschen, einschließlich der mit Heimmitarbeitern. (M. Conen)

Gute Beziehungen der Heimmitarbeiter zu den Kindern sind recht schwierig und meist nur in einem lang andauernden Prozess möglich. Sehr oft werden sie durch die kleinsten Einwirkungen durch die Herkunftsfamilie dermaßen erschüttert, dass es durchaus die Bemühungen von Jahren erschüttern oder auch zu Nichte machen kann.

Dieses Phänomen findet seine Begründung meist in dem außer acht lassen der Situation des Kindes. Das Kind erlebt eine innere Zwiespalt, es lebt in zwei Welten: dem Heim und dem Elternhaus. Zu beiden Welten möchte das Kind gerne gehören, sich zugehörig fühlen. Im Vordergrund steht hierbei die Welt der Herkunftsfamilie. Dies Welt wird im Heimalltag meist nicht oder nur unzureichend mit einbezogen. Ein Kind fühlt sich zu den Eltern hingezogen, gleich wie, was die Eltern mit ihm getan haben.

Kinder sind stets Loyal gegenüber den Eltern!

Diese Loyalität ist nicht nur im Kindes oder Jugendlichen Alltag zu finden, es ist eine Bindung die den Menschen in seinem Leben immer begleitet.

Ein Mutter die ihr Kind z.B. bei einem sexuellen Missbrauch durch den Partner nicht beschützt, hat mit ziemlicher Sicherheit durch ihre Mutter ebenfalls keinen oder nur unzureichend Schutz erfahren.

Wenn die Mutter ihre Tochter Schützen würde, dann würde sie indirekt ihre Mutter dafür kritisieren, dass diese sie nicht geschützt hat. Eine solche Art Kritik ist jedoch nicht möglich, da sich die Tochter somit illoyal gegenüber der Mutter verhalten würde.

Ihren Kindern gegenüber verhalten sich Eltern aber nicht loyal, sonst würden sie ihnen dies z.B. sexuellen Missbrauch nicht antun.

 

Die Bedeutung der Loyalitätsbindungen der Kinder für die Heimerziehung

Wenn die Mitarbeiter einer Heimeinrichtung zu "nett" sind, zu freundlich zu einfühlsam und erfolgreich sind in der Auseinandersetzung und in der Verständigung mit dem betreuten Kind, kann dies für die Kinder bedrohlich wirken.

Die Kinder erleben, dass Menschen, die für diese Beziehungsarbeit entlohnt werden, ihnen das bieten und angedeihen lassen, was ihnen ihre Eltern nicht geben konnten.

Eine Möglichkeit diese Bedrohung aufzulösen ist neue Auffälligkeiten anzunehmen, bzw. längst abgelegte wieder aufzunehmen.

Dies bedeutet in der Konsequenz, dass bei erfolgreicher Arbeit eines Heimes, Probleme für die Kinder und Jugendliche entstehen (müssen).

Ein Jugendlicher der seinen Schulabschluss nicht zu Ende führt, seine Berufsausbildung nicht abschließt, kann unter Umständen signalisieren dass er sich seiner Herkunftsfamilie sehr zugehörig fühlt. Würde er die Schule, die Lehre abschließen, kann er, von seiner Herkunftsfamilie als Außenseiter angesehen werden.

Eine Möglichkeit diesen Teufelskreis aufzubrechen kann sein, mit dem Jugendlichen über die Bedeutung einer Berufsausbildung oder eines Schulabschlusses im Kontext zu seiner Familie zu erforschen. Die Hypothese, die er aufstellt, wäre Interessant zu erfahren. (M. Conen)

Die Verwendung von  Fragen wie: 

  • Was er denkt, was seine Herkunftsfamilie davon hält, dass er einen Abschluss anstrebt.
  • Was denkt er würde sein Vater darüber denken und würde er stolz auf ihn sein.
  • Würden deine Eltern wen sie über dich nachdenken, Angst haben, du würde auf sie herabsehen, weil sie keine Ausbildung haben.

 

Die Botschaft der Eltern "Wir sind stolz darauf, dass du es geschafft hast", dies würde für den Jugendlichen ein Art Erlaubnis der Eltern darstellen. Er hätte auf diesen Weg die Möglichkeit die Schulausbildung und die Lehre erfolgreich zu beenden.

Dies heißt, die Auseinandersetzung des Kindes, des Jugendlichen mit seinen Zweifeln seinen Ängsten, ist ein wichtiger Bestandteil in der alltäglichen pädagogischen Arbeitslandschaft. Gesprächspartner sein, um die inneren Bilder des Jugendlichen, des Kindes, hervorzuholen um diese Bewusst zu machen und sich darüber auszutauschen. (M. Conen)

 

Heimunterbringung als geradliniger Lösungsversuch

Eine Unterbringung eines Kindes, Jugendlichen in ein Heim beinhaltet den Versuch einer Lösung auf linearer Ebene. Dies bedeutet, das die Lösung innerhalb des Bestehenden gesucht wird.

Sehen die Eltern ein Problemverhalten im Kind fordern sie, dass etwas geschehen muss. Die Lehrerin sieht ein Verhalten welches nicht im Kontext zu dem Verhalten der anderen Kinder steht. Es wird den Eltern ggf. Jugendamt vermittelt, dass das Verhalten sich ändern muss.

Häufig werden von den professionellen Helfern die Probleme des Kindes im Zusammenhang mit Schwierigkeiten gesehen, die in dessen Familie bestehen. Die Lösung hierfür ist meist die Herausnahme des Kindes aus der Familie.

Die Heimunterbringung löst jedoch nicht die Ursachen, die zu diesem Problemverhalten geführt haben. Die Ursachen bestehen weiterhin und ändern sich auch nicht, wenn nicht während der Heimunterbringung mit der Herkunftsfamilie an einer Veränderung gearbeitet wird.

 

Das Scheitern des Heimes hilft den Eltern

Bei Fortführung der Symptomatik und zunehmender Dauer des Problemverhaltens tritt bei den Mitarbeitern ein Gefühl von Inkompetenz und Ohnmacht ein.

Das Gefühl, nichts gegen das Problemverhalten des Kindes ausrichten zu können ist auch den Eltern des Kindes sehr wohl bekannt.

Die Eltern werden damit auch während der Unterbringung konfrontiert. Das Gefühl keinen oder kaum Einfluß auf die Gestaltung des eigene Lebens zu haben, kann sich durchaus schon über Generationen wie ein roter Faden durch die Wahrnehmung der Familie gezogen haben. Ein augenscheinliches und immer wieder erkennbares Problem der Eltern ist der Umgang mit den Behörden und Institutionen die ihnen dieses Gefühl der Inkompetenz an der Gestaltung des eigenen Lebens suggerieren. Die Vorhandenen Energien werden in Kämpfen und Auseinandersetzungen mit diesen Institutionen verbraucht.

Die Eltern versuchen die Kränkung die eine Heimunterbringung mit sich führt zu kompensieren, im dem sie einem dritten die "vermeidlichen Kompetenz" zuordnen.

Sie delegieren die Verantwortung an die Heimmitarbeiter und warten ab: "Jetzt machen Sie mal. Wir werden ja sehen, ob Sie das mit meinem Sohn / meiner Tochter hinbekommen werden".

Wird der Auftrag der Einrichtung von den Eltern in dieser Form angenommen, so werden diese ein weiteres Mal in ihrer Erziehungsfähigkeit herunter gewertet, bzw. sie werten sich dadurch selbst ab.

Die Kinder sehen sich in der Verantwortung durch ihr direktes und indirektes Handeln im Heimalltag die Maßnahme scheitern zu lassen. Dadurch wird das Scheitern der Eltern angesichts des "Scheiterns der Einrichtung" aufgewogen.

Würde das Kind dem Heim die Möglichkeit geben erfolgreich zu sein, würden seine Eltern abgewertet. Es würde deutlich werden das es an den Eltern lag, die eine positiver Entwicklung des Kindes Zuhause nicht ermöglichten.

Wichtig im Umgang mit dem Kind, auf dem Hintergrund einer erfolgreichen Arbeit, ist die Zusammenarbeit mit den Eltern.

Anstatt eventuell anstehende Probleme mit den Kindern bzw. Jugendlichen alleine zu lösen, können die Erfahrungen der Eltern, die dieses Problem möglicherweise schon vorher zu lösen versucht haben, mit einbezogen werden. Dies sollte bereits bei Aufnahme des Kindes mit aufgegriffen werden. Auf diese Weise sind Übereinkünfte möglich, wann und wie die Eltern bei Auftreten der Probleme mit einbezogen werden.

Diese Art des Umgangs mit den Eltern setzt aber die Haltung Voraus, die Eltern als kompetent an zu sehen. Die Eltern haben auch Ideen und Vorstellungen, die es zu berücksichtigen gilt. è Die Eltern als kompetente Partner, im Rahmen ihrer Möglichkeiten.

Die Zusammenarbeit zwischen den Eltern und den Mitarbeitern einer Einrichtung sollte wesentlich mehr beinhalten als das Regeln von Besuchstagen.

Eine intensive Zusammenarbeit und die Anerkennung der Kompetenzen der Eltern, durch die Mitarbeiter, sind die wesentlichen Säulen alltäglichen Pädagogik, die eine positive Arbeit möglich machen und dadurch eine wirkliche Hilfe für das Kind darstellen.

 

Unter Verwendung des Textes

Erschienen in :

Evangelische Jugendhilfe, 1996, 4, S. 206-216

Marie-Luise Conen

Wenn Heimerzieher zu nett sind...

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